Das were in unsers herren von costenntz registern

11.12.2025 | Zur Verwendung der Handschrift EAF Ha 56 in einem Gerichtsprozess im Jahr 1435

Die Handschrift Ha 56 aus dem Erzbischöflichen Archiv Freiburg (EAF), allgemein nach ihrem prominentesten Teil auch Liber Decimationis genannt, ist bereits vielfach in Untersuchungen gewürdigt worden. Bisher noch ungeklärt scheint aber ein kleines Detail zu sein, dem in diesem Beitrag nachgegangen werden soll: Auf einem zu Beginn des Bandes eingeklebten Blatt, das aber wohl schon ursprünglich Teil der Handschrift war, findet sich ein Vermerk aus dem 17. Jahrhundert (?), der folgendermaßen lautet: Nota. Anno 1435 iuxta Protocolum Y pagina 172 fuit hic liber pro authentico declaratus.(1) Wie ist diese Passage zu verstehen und was wurde hier 1435, gut 100 Jahre nach der Anlage der Handschrift, für echt erklärt und warum? 

Abb. 1: EAF, Ha 56, Vorblatt: Vermerk über die Beglaubigung der Handschrift im Jahr 1435.
 
Weder Wendelin Haid noch Gerlinde Person-Weber, die beide den Zusatz in den Einleitungen zu ihren Editionen des Liber Decimationis erwähnen, gehen der Frage nach, worauf er sich beziehen könnte.(2) In dem Aufsatz von Bartholomäus Heinemann aus dem Jahr 1911, der in der Zeitschrift Freiburger-Diözesan-Archiv (FDA) erschien, findet sich eine Anmerkung der Redaktion des FDA, nicht des Autors (!), welche die Bemerkung auf eine Passage in der Bistumschronik des Christoph Schulthais bezieht.(3) In dieser Stelle hält Schulthais fest, dass man unter Bischof Friedrich von Zollern (1434-1436) im Jahr 1435 einen „Überschlag“ gemacht hätte, eine Art statistischer Erhebung, und dabei 17.060 Priester, 1760 Pfarreien und 350 Männer- und Frauenklöster in der Diözese Konstanz gezählt habe.(4) Zwar kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Handschrift auch zu diesem Zweck verwendet wurde, immerhin ist der Liber Decimationis ja lange Zeit vor alle als wichtige Quelle für die Diözesanstatistik gesehen worden, jedoch lässt sich die genaue Stellenangabe Protocolum Y pagina 172 nicht mit der Chronik von Schulthais in Verbindung bringen. Es muss also zunächst der Frage nachgegangen werden, um was es sich bei dem Protokoll(buch) Y handelt. 
 
Das Protocolum Y befindet sich heute im EAF, trägt die Signatur Ha 330h, und firmiert unter der Bezeichnung Konzeptbuch Y bzw. Liber Conceptuorum Y. Inhaltlich bietet der Band vor allem Urkunden und Urteile des Konstanzer Offizialats aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Nach Freiburg gelangte er 1953 durch einen Tausch des EAF mit dem Stadtarchiv Konstanz, wobei das Bistumsarchiv mehrere Konzeptbücher aus der Konstanzer Bischofskanzlei erhielt und dafür Handschriften Konstanzer Klöster an das Stadtarchiv abgab.
 
Abb. 2: EAF, Ha 330h, fol. 172r: Beginn des Eintrags über die beglaubigte Abschrift aus einem alten Buch oder Register, 13. Juli 1435.
 
Schlägt man nun im Konzeptbuch Y die angegebene Seite 172 auf, wird man tatsächlich fündig. Der Abschnitt, der am Ende von fol. 172r beginnt, ist überschieben mit: Transsumptum extractatione ex libro, von neuerer Hand wurde noch hinzugesetzt: pergameneo ubi habentur collecte pro pontifice.(5) Ihm ist zu entnehmen, dass der Kleriker Gebhard App (6) als Sachwalter (procurator) des Bischofs Friedrich von Zollern  am Samstag den 13. Juli 1435 vor dem Konstanzer Offizial im Umgang des Konstanzer Münsters erschien und ein altes Buch oder Register aus Pergament mitbrachte, in dem alle Kirchen und Quartkirchen des Bistums erfasst gewesen seien.(7) Die Beschreibung lässt eigentlich nur an die Handschrift EAF Ha 56 denken, da dies zu diesem Zeitpunkt die einzige umfangreiche Zusammenstellung der Kirchen im Bistum Konstanz war. App bat den Offizial um eine beglaubigte Abschrift der ersten Zeile der Seite 108 (8) dieses alten Buches: In archidiaconatu zurchgaye in decanatu lengnang ecclesia stainimur est quartalis cum decimis laicalibus.(9)
 
Abb. 3: EAF, Ha 330h, fol. 172v: Abschrift der ersten Zeile aus dem Blatt 108 des alten Buches oder Registers über die Quart und dem Laienzehnten in Stainmaur, 13. Juli 1435.
 
Blickt man dann in der Handschrift Ha 56 auf Blatt 108 findet man in der ersten Zeile tatsächlich den 1435 abgeschriebenen Eintrag. Damit ist die 1911 von der Redaktion des FDA geäußerte These, der Vermerk auf dem Vorblatt der Handschrift gehe auf die Chronik des Christoph Schulthaiß zurück, widerlegt.(10) Zudem wird klar, dass sich der Hinweis nicht auf den als Liber Decimationis bezeichneten Teil des Codex bezieht, sondern auf das Verzeichnis der Quartkirchen aus dem Jahr 1324, auch Liber Quartarum genannt, das sich auf den Blättern 98 bis 108 befindet.(11)
 
Abb. 4: EAF, Ha 56 fol. 108r: Vorlage für die in der Abb. 3 abgeschriebene Zeile aus dem Liber Quartarum, 1324.
 
Als Grund für das Abschreiben dieser Zeile nennt der Text einen Streit Friedrich von Zollerns mit Laien über den Zehnten in Stainmaur (Kanton Zürich). Bereits unter Bischof Otto von Hachberg (1410-1434) hatte es Konflikte zwischen den Vettern Walther und Martin von Landenberg-Greifensee und dem Bischof und Domkapitel von Konstanz über die Quart und den Laienzehnt in Steinmaur gegeben.(12) Ein erster Schiedsspruch in der Streitsache brachte keine Einigung und das Verfahren wurde weitergeführt. Auf einem Gerichtstag am 27. Juli 1435, knapp zwei Wochen nach der Anfertigung der Abschrift durch den Offizial, sollten die Differenzen endgültig beigelegt werden. In dem Schiedsspruch, der den Verlauf der Verhandlungen wiedergibt, ist festgehalten, dass die Partei des Bischofs u. a. damit argumentierte, dass ihre Position in unsers herren von costenntz registern und sunst mit redlicher kuntschafft belegt wäre.(13) Ob die durch den Offizial hergestellte Abschrift bei dem Gerichtstag direkt vorgelegt wurde, geht aus dem Protokoll nicht hervor, in jedem Fall diente sie der bischöflichen Seite aber als Argumentationsgrundlage und trat, wie in dem Zitat deutlich wird, gleichberechtigt neben die mündlich eingeholten Auskünfte.
 
Abb. 5: EAF, Ha 404, S. 109: Auszug mit der Erwähnung der Register des Bischofs von Konstanz im Vergleich zwischen Bischof Friedrich von Zollern und Walter und Martin von Landenberg-Greifensee über die Quart und den Zehnten zu Steinmaur vom 26. Juli 1435.
 
 
Johannes Krämer
 
Endnoten
(1) Übersetzung: Bemerkung. Im Jahr 1435 wurde dieses Buch laut Protokoll Y, S. 172, für echt erklärt.
(2) Wendelin Haid: Liber Decimationis cleri Constantiensis pro Papa de anno 1275, in: FDA 1 (1865), S. 1-303, hier S. 7; Gerlinde Person-Weber: Der Liber Decimationis des Bistums Konstanz. Studien, Edition und Kommentar (FOLG 44), Freiburg 2001, S. 118.
(3) Bartholomäus Heinemann: Paläographische und stilistische Untersuchungen über den Liber Decimationis 1275, in: FDA 39 (1911), S. 318-337, hier S. 337.
(4) Johann Marmor (Hg.): Constanzer Bistumschronik von Christoph Schulthaiß. Nach der Handschrift des Verfassers, in: FDA 8 (1874), S. 1-101, hier S. 57.
(5) Übersetzung: Abschrift eines Auszugs aus einem pergamentenen Buch, in dem die Abgaben für den Bischof verzeichnet sind. Eine Zusammenfassung des Eintrags in REC III Nr. 9676. 
(6) Siehe zu ihm sein Biogramm in: Beatrice Wiggenhauser: Klerikale Karrieren. Das ländliche Chorherrenstift Embrach und seine Mitglieder im Mittelalter, Zürich 1997, S. 345 f. 
(7) EAF, Ha 330h, fol. 172r-v, nach REC III Nr. 9676: Librum sive registrum antiquum pergameno conscriptum, in quo libro sive registro singule ecclesie dioceses Const. quartales et non quartales conscribuntur, describuntur et annotantur.
(8) Nicht Seite 118, wie es in REC III Nr. 9676 heißt. 
(9) Übersetzung: Im Archidiakonat Zürichgau, im Dekanat Lengnau ist die Kirche von Stainmaur eine Quartkirche mit dem Laienzehnten.
(10) Siehe Anm. 3.
(11) Gedruckt von Wendelin Haid: Liber Quartarum et Bannalium in dioecesi Constantiensi de anno 1324, in: FDA 4 (1869), S. 1-62, die entsprechende Passage dort auf S. 39. 
(12) REC III Nr. 9522, 9554.
(13) Zitat nach einer Abschrift der Urkunde in EAF Ha 404, S. 107-112, hier S. 109. Druck der Urkunde basierend auf einer weiteren Abschrift im Stadtarchiv Baden im Aargau bei Friedrich Emil Welti: Die Urkunden des Stadtarchivs Baden im Aargau Bd. 1, Bern 1899, Nr. 517 S. 482-486, hier S. 485. Das Original befindet sich in doppelter Ausfertigung im Staatsarchiv Zürich, siehe dazu REC III Nr. 9784 f. 
 
Archivalien
  • EAF, Ha 56
  • EAF, Ha 330h
  • EAF, Ha 404
Gedruckte Quellen und Literatur
  • Wendelin Haid: Liber Decimationis cleri Constantiensis pro Papa de anno 1275, in: FDA 1 (1865), S. 1-303.
  • Wendelin Haid: Liber Quartarum et Bannalium in dioecesi Constantiensi de anno 1324, in: FDA 4 (1869), S. 1-62.
  • Bartholomäus Heinemann: Paläographische und stilistische Untersuchungen über den Liber Decimationis 1275, in: FDA 39 (1911), S. 318-337.
  • Johann Marmor (Hg.): Constanzer Bistumschronik von Christoph Schulthaiß. Nach der Handschrift des Verfassers, in: FDA 8 (1874), S. 1-101.
  • Karl Rieder: Bd. 3 (1384-1436). Regesta episcoporum Constantiensium. Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Konstanz, von Bubulcus bis Thomas Berlower (517-1496), Innsbruck 1931-1941. REC III
  • Gerlinde Person-Weber: Der Liber Decimationis des Bistums Konstanz. Studien, Edition und Kommentar (FOLG 44), Freiburg 2001.
  • Friedrich Emil Welti: Die Urkunden des Stadtarchivs Baden im Aargau Bd. 1, Bern 1899.
  • Beatrice Wiggenhauser: Klerikale Karrieren. Das ländliche Chorherrenstift Embrach und seine Mitglieder im Mittelalter, Zürich 1997.